Der Lkw von morgen berücksichtigt viele Facetten der Nutzung

Clausthal-Zellerfeld. In zehn Jahren könnte das Lkw-Transportwesen doppelt so produktiv sein wie heute. Wie diese enorme Steigerung erreicht werden kann, hat Dr. Harald Ludanek, Vorstandsmitglied beim schwedischen Nutzfahrzeughersteller Scania, im Vortrag „Trends in der zukünftigen Nutzfahrzeugentwicklung“ vor 120 Zuhörern in der Aula der TU Clausthal erläutert.

Eingebunden war die Veranstaltung in die Vortragsreihe „Kluge Köpfe denken heute schon an übermorgen“ des Niedersächsischen Forschungszentrums Fahrzeugtechnik (NFF). Das NFF ist ein Zentrum der Technischen Universität Braunschweig.

„Trucker-Romantik war gestern, Lkw-Fahren ist heute ein hartes Geschäft“, berichtete Dr. Ludanek. Wie der Name Nutzfahrzeuge schon andeute, würden Innovationen nur dann vom Kunden akzeptiert, wenn sie ihm auch einen wirtschaftlichen Nutzen bringen. „Da heute etwa 35 Prozent der Logistikkosten im Fernverkehr durch den Kraftstoffverbrauch bestimmt werden, stehen die Reduzierung des Dieselbedarfs und damit der CO2-Emissionen im Mittelpunkt der Entwicklungsarbeiten. Gleichzeitig gilt es, die strengen gesetzlichen Emissionsvorschriften einzuhalten.“ So werden bei den Dieselmotoren etwa die thermischen und mechanischen Wirkungsgrade weiter verbessert und auch bei der Lkw-Produktion zunehmend Aspekte des Leichtbaus einfließen, blickte Experte Ludanek voraus.

Der 55-Jährige war zum Termin im Oberharz mit einer modernen 580-PS-Zugmaschine samt Auflieger erschienen. Eine schnelle und verhältnismäßig kostengünstige Maßnahme, um durch effizientes Fahren Sprit zu sparen, wären nach Ludaneks Worten Fahrer-Coachings. Neue Assistenzsysteme würden ebenfalls das ressourcenschonende Fahren unterstützen. Mehr Potenzial sieht er allerdings darin, die Transportkapazität zu erhöhen. Bei den Lkws könne die Durchschnittsauslastung der Ladekapazität von derzeit 25 auf 40 Tonnen gesteigert werden. Und in vielen Städten Lateinamerikas würden schon Doppelgelenkbusse eingesetzt. Sie sind 28 Meter lang und transportieren bis zu 200 Personen. Zudem könnten Leerfahrten durch eine bessere Vernetzung von Spediteuren und Busunternehmen verringert werden.

Die größten Entwicklungsmöglichkeiten liegen nach Meinung des Ingenieurs - studiert und promoviert hat er an der TU Clausthal - in maßgeschneiderten Antriebsstrangkonzepten. So stellen sich im Fernverkehr mit jährlichen Laufleistungen von 150.000 Kilometern ganz andere Anforderungen als im klassischen Verteilerverkehr mit häufigen Anfahr- und Bremsvorgängen, wo täglich nur 50 bis 150 Kilometer zurückgelegt werden. Wieder anders sind die Gegebenheiten für Brummis auf Baustellen oder in der Forstwirtschaft. Mit einem modularen Baukastensystem, so Ludanek, ließe sich den spezifischen Anforderungen in Hinblick auf Motor (nur vereinzelt Hybridisierung und Elektrifizierung), Getriebe, Achsen, Bremsen und Fahrerhäusern bestmöglich begegnen.

In einer umfassenden Betrachtungsweise sieht der Lkw-Bauer ein Erfolgsrezept für die Branche. So liefere Scania auch stets ein Businessmodell mit. Das skandinavische Unternehmen, derzeit weltweit einer der profitabelsten Nutzfahrzeughersteller, hat seit vier Jahrzehnten keine roten Zahlen geschrieben. Um auch in Zukunft bei den Nutzfahrzeugen erfolgreich zu sein, hat Dr. Ludanek eine Vision: die Gründung eines europäischen Zentrums für die integrierte Forschung und Vorführung ökologisch nachhaltiger Transportsysteme. Davon hätten alle etwas.

Kontakt:

TU Clausthal
Pressesprecher
Christian Ernst
Telefon: +49 5323 72-3904

E-Mail: christian.ernst@tu-clausthal.de

Mit der Zugmaschine reisten Dr. Harald Ludanek (2.v.l.) und Ralf Schröder (l./Scania) zum Vortrag an der TU Clausthal an. Begrüßt wurden sie von Universitätspräsident Professor Thomas Hanschke (r.) und Vizepräsident Professor Andreas Rausch. Foto: Ernst